EINLEITUNG
EIN STADTFÜHRER

Text: Ulrike Kienzle
Die erste Reise stand ganz im Zeichen des Wunderkindes. Vater Leopold war mit seiner Familie im Juni 1763 in eigener Kutsche aus Salzburg aufgebrochen, um das schier unglaubliche Können seiner beiden Sprößlinge Wolfgang und Nannerl der Welt zu präsentieren. Die Reise führte bis nach London und Paris – und auf dem Weg dahin eben auch nach Frankfurt. Erst im November 1766 kehrte die Familie nach Salzburg zurück.
Wenn man bedenkt, daß die Familie Mozart über drei Jahre ununterbrochen auf Reisen war, dann muß man sich fragen: Was haben die Kindergelernt? Wie haben sie ihre Tage verbracht? Wie hält es ein Siebenjähriger aus ,von Freunden und Spielzeugen und der heimatlichen Umgebung solange getrennt zu sein? Die Familie lebte in der Kutsche und in Gasthäusern. Dort erhielten die Kinder auch Unterricht von ihrem Vater. Beide lernten mühelos: Sprachen, Mathematik, offizielle Umgangsformen – und natürlich Musik. In Augsburg hatte Leopold ein «Clavierl»,also ein Reiseclavichord, gekauft, auf dem die Kinderunterwegs üben konnten. Man hat nicht den Eindruck, daß die Kinder unglücklich gewesen wären, im Gegenteil:«Der Wolfgang: ist ganz ausserordentlich lustig, aber auch schlimm»,schreibt Vater Leopold aus Frankfurt an einen Salzburger Freund.«Schlimm» – das heißt wohl: übermütig, ungezogen, wild – wie Kinder in diesem Alter eben sind.
In seinen Konzertankündigungen sparte Leopold nicht mit vollmundigen Versprechungen: Es galt,«ein Wunder zu verkündigen, welches Gott in Salzburg hat lassen geboren werden». Solche Erwartungen konnten seine Kinder stets mühelos erfüllen, wenn nicht sogar übertreffen. Besonders der putzige Siebenjährige mit dem pausbäckigen Kindergesicht in der altväterischen Galauniform nebst Perücke und Degen wurde überall begeistert beklatscht, umjubelt, beschenkt und geküsst.
Mozarts zweite Reise nach Frankfurt im Herbst1790 stand unter einem weniger günstigen Stern. Ein Jahr vor seinem Tod fuhr der von Geldschulden und sozialem Abstieg bedrohte Komponist anläßlich der Kaiserkrönung Leopolds II. in die Stadt am Main. Seine Hoffnung, als Angehöriger der Hofkapelle eingeladen zu werden, hatte sich nicht erfüllt: Dem Kaiser gefielen die Werke Salieris besser, und so mußte Mozart auf eigene Kosten reisen und dafür sein Silber versetzen, um die Reise finanzieren zu können. Immerhin fuhr er standesgemäß im eigenen Reisewagen und in Begleitung seines Schwagers Franz Hofer. Aus demselben Jahr 1790 stammen die immer verzweifelteren Bittbriefe an den Logenbruder Michael Puchberg.In einer Schuldverschreibung, datiert vom 1.Oktober 1790 (Mozart war zu dieser Zeit bereits in Frankfurt) verpfändet er sein gesamtes Mobiliar für ein Darlehen von 1000 Gulden. Offenbar hoffte er, aus Frankfurt eine ansehnliche Summe zur Tilgung nach Hause zu bringen. Mozart spekulierte, wie 27 Jahre zuvor schon sein Vater, auf den Reichtum der Stadt. Aber in dem kunterbunten Rummel rund um die Krönung, in der Fülle musikalischer, militärischer, gesellschaftlicher Vergnügungen ging sein eigenes Konzertförmlich unter. Er wurde zwar von den spärlich erschienenen Zuhörern mit Ehre und Anerkennung bedacht, aber finanziell scheint sich die Unternehmung nicht gelohnt zu haben.
Schließlich weilte Mozarts jüngster Sohn Franz Xaver Wolfgang in Frankfurt – er blieb einen Monat lang. Er war, wie sein Vater, Komponist und reisender Virtuose und lebte sein Leben in dessen Schatten. Von seiner Mutter Konstanze wurde er schon früh zum Wunderkind erzogen. Als Fünfjähriger sang er vor geladenen Gästen Papagenos Vogelfänger-Lied aus der «Zauberflöte» und brachte schon bald die Klaviersonaten seines Vaters öffentlich zu Gehör. Er nannte sich«Wolfgang Amadeus Mozart junior» und schriebgediegene Kompositionen im Stil der Frühromantik. Er war keineswegs unbegabt, aber eben kein Genie. Nach einer Anstellung als Musiklehrer bei einer wohlhabenden Familie ließ er sich in Lemberg nieder und brach von dort im Mai 1819 zu einer großen Konzertreise durch Europa auf. Wir wissen gut über diese Reise Bescheid, denn Franz Xaver Mozart führte ein Brieftagebuch für seine daheim zurückgelassene Geliebte. Am 5.Dezember 1820 war er hier im«Rothen Haus» auf der Zeil Zeuge einer denkwürdigen Aufführung von Mozarts Requiem durch den neu gegründeten Cäcilien-Verein unter der Leitung von Johann Nepomuk Schelble. Franz Xaver knüpfte viele Kontakte zum Frankfurter Musikleben, gab ein vielbeachtetes Konzert und gründete daheim in Lemberg– angeregt durch das Frankfurter Vorbild – seinen eigenen Cäcilien-Verein.
Ein weiteres wichtiges Kapitel (auf das wir hier allerdings nicht näher eingehen können) ist die Aufführungsgeschichte von Mozarts Musik in Frankfurt. Schon früh wurden seine Opern hier nachgespielt, meist wenige Monate nach der Uraufführung, und bildeten einen festen Kern imRepertoire.1838 gründeten kunstsinnige Frankfurter Bürger die «Mozart-Stiftung» – eine der ersten Fördereinrichtungen für junge Komponisten. Ist Frankfurt also eine richtige Mozart-Stadt?
Ja und nein. Natürlich kann Frankfurt nicht mit Augsburg oder Mannheim, geschweige denn mit Salzburg oder Wien konkurrieren. Und doch war Frankfurt eine wichtige Stadt in der Familiengeschichte der Mozarts. Leopold hat hier einige seiner originellsten Briefe verfaßt und nach eigenem Bekenntnis so viel erlebt, daß er tagelang davon hätte berichten können. Die beiden Frankfurter Aufenthalte Wolfgang Amadeus Mozarts stehen jeweils an Wendepunkten seiner Biographie: Das umjubelte Wunderkind und der von Sorgen gezeichnete Mann, der um die Gunst der Reichen buhlen muß – das sind starke Kontraste. Sein Sohn wiederum nahm aus Frankfurt viele Anregungen mit. So kann Frankfurt zwar keinen zentralen, aber durchaus einen würdigen Platz in der Reihe der Mozart-Städte beanspruchen.
In diesem kleinen Stadtführer möchten wir Sie anhand von alten und neuen Bildern, Dokumenten und Texten zu den wichtigsten Mozart-Stätten führen – oder besser gesagt: zu dem, was aus ihnen geworden ist. Denn die Katastrophe des Zweiten Weltkrieges hat dafür gesorgt, daß kein einziges der Häuser, in denen die drei Mozarts sich aufgehalten haben, erhalten ist. Das alte Frankfurt ist untergegangen, aber die Erinnerung daran kann wieder lebendig werden. Deshalb haben wir ganz bewußt die Bilder der originalen Gebäude mit Fotos aus dem modernen Frankfurt konfrontiert. Und wir haben den historischen Stadtplan von Matthäus Merian von1761 sowie einen Ausschnitt aus einem Plan von 1822 unserem Sonderdruck beigefügt. Wenn Sie sich von unseren Vorschlägen zu einem Spaziergang durch Mozarts Frankfurt anregen lassen, dann wird es Ihnen vielleicht gelingen, anhand der alten Bilder in Ihrer Imagination die verschwundenen Häuser neu erstehen zu lassen.
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