Salon kontrovers: Briefe – schreiben und lesen
- Montag, 21. September 2026 – 19.30 Uhr
Holzhausenschlösschen
Justinianstraße 5
60322 Frankfurt am Main
Sigmund Freud und Martha Bernays © Archiv S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main
Die Veranstaltung findet in Erinnerung an Hanne Kulessa statt, die in diesem Jahr ihren 75. Geburtstag gefeiert hätte. Im Jahr 2014 rief sie die Reihe Salon kontrovers: Briefe – schreiben und lesen ins Leben und leitete sie bis zu ihrem Tod im Jahr 2022.
Eintritt € 16,- (Parkett, Reihe 1-5) / € 11,- (Parkett, Reihe 6 und Fensterbänke) / € 6,- (Empore, eingeschränkte Sicht)
Darüber hinaus werden wir über die Mediathek unserer Website am Veranstaltungstag einen Livestream der Veranstaltung anbieten.
Es lesen Stephan Wolf-Schönburg und Anna Kubin
Auswahl, Einführung und Moderation: Ruthard Stäblein
Aktueller Hinweis
Die Frankfurter Bürgerstiftung ist eine geförderte Stiftung. Alle Tätigkeiten und das Kulturprogramm der Frankfurter Bürgerstiftung werden durch private Spenden finanziert.
Für die Reihe „Salon kontrovers: Briefe – schreiben und lesen“ steht ab 2027 leider keine Projektförderung zur Verfügung. Deshalb muss sie vorerst pausieren. Wir bemühen uns, neue Förderer zu gewinnen, damit wir diese besondere Veranstaltungsreihe ab 2028 fortführen können.
Spendenkonto der Frankfurter Bürgerstiftung
Frankfurter Sparkasse
IBAN: DE76 5005 0201 0000 2662 99
Zur Veranstaltung
Vier Jahre sind sie schon getrennt und doch nach zwei Monaten schon verlobt. Nicht von Angesicht zu Angesicht, sondern hauptsächlich über Briefe lernen sie sich kennen. Als „Tortur“ bezeichnet Martha Bernays im Rückblick, als 86-Jährige, diese Zeit: „such a torture“. Schwer zu ertragen war diese Liebe auf Distanz, im Wartestand, auch für Sigmund Freud. Als sie sich 1882 im Wiener Wald zuerst begegneten, war er 26, sie 21 Jahre alt.
Und doch zündete sie mit einer Art Liebesblitz. Für uns heute kann es erhellend sein, wie sich dieses retardierende Liebesgewitter mit seinem fernen Dröhnen abregnet mit der Geburt der Psychoanalyse wie der Geburt von sechs Kindern.
Er ist eifersüchtig, leicht aufbrausend, jähzornig, Besitz ergreifend. Auch wird aus den Briefen spürbar, wie suchtgefährdet (Kokain), zerrissen, verletzbar Freud (schon) als junger Mann war.
Sie ist zögerlich, abwägend, argumentiert mit Zitaten aus Klassikern, liebevoll, verständnisbereit, alles, was man von einer jungen, gebildeten Frau damals erwartete. Die Verlobung ist heimlich. Ihre Mutter mag ihn nicht. Ihm fehle die „Form, mit Damen umzugehen“.
Beide kommen aus verarmten, kinderreichen, in ihrer Existenz bedrohten, jüdischen Familien. Sie kann einen gelehrten Oberrabbiner in ihrer Ahnengalerie nachweisen. Sein Vater war Wollhändler in Mähren, zog nach Wien, konnte aber seine acht Kinder kaum ernähren. Eins davon starb nach acht Monaten. Was bleibt ist die Bildung.
Er versucht sie umzuerziehen, — „Sei mein, wie ich mir´s denke“, ist sein anfängliches Motto — aber ihr gelingt es immer mehr im Schreiben der Briefe, sich selbst zu behaupten, auch ihre eigenen Argumente und Ideen, z.B. über das „Unbewußte“, das sie aus ihrem Lektüreschatz einführt, ins Feld zu führen. Er reift mit ihr- und vertraut darauf: „Du wirst mir eine Mitarbeiterin in den ernstesten Dingen werden.“ Er akzeptiert endlich: „Dich so zu haben, wie Du bist.“
Aber es wird nicht nur ernsthaft diskutiert in diesen Briefen, sondern sie sind getragen von Verwünschungen, Anklagen, Ultimaten, Entschuldigungen, Versöhnungen und wiederholten Liebesschwüren. Eben Liebesgewitter.
Die Heirat findet 1886 in Wandsbek statt, wo Matha Bernays Familie wohnte. Sie wird in die traditionelle Frauenrolle zurückgedrängt und nimmt sie an. Sie kümmert sich um die Kinder, um ihn, um die Familie. Ihre Schwester wird mit in den Haushalt einbezogen, wohnt auch bei ihnen. Aber auch er ist um seine Familie besorgt, schreibt vor allem der ältesten Tochter Anna verständnisbereite Briefe.
Nur von Martha Bernays gibt es nach der Hochzeit zu wenige schriftliche Zeugnisse. So kann mit der fünfbändigen (!) Publikation des Briefwechsels, der im Jahr 2025 abgeschlossen wurde, endlich auch sie auftauchen und in ihrem Dialog mit ihrem Verlobten im „Salon kontrovers“ im Frankfurter Holzhausenschlösschen gehört werden.
Die Mitwirkenden
Stephan Wolf-Schönburg ist als Diplomatensohn in Bonn, Washington D.C. und Kairo aufgewachsen. Nach Abschluss seiner Ausbildung am Max-Reinhardt-Seminar in Wien arbeitete er u.a. an Taboris Theater sowie am Volkstheater; Anfang der 1990er-Jahre ging er nach Berlin. Seine Theaterarbeit führte ihn an die dortige Schaubühne sowie zu den Salzburger Festspielen, ans Zürcher Schauspielhaus, Staatstheater Braunschweig, Maxim Gorki Theater und an die Neuköllner Oper, wobei er mit Tatjana Rese, Luca Ronconi, Andrzej Wajda, Jürgen Zielinski, Karin Koller und Andreas Gergen arbeitete. Bei Film und Fernsehen traf er auf Regisseurinnen und Regisseuere wie Jean-Marie Straub und Danièle Huillet, Armin Mueller-Stahl, H-C Blumenberg, Vivian Naefe, Paul Greengrass oder Bille Eltringham. Der Künstler ist selbst als Regisseur und Autor tätig (u.a. Theater der jungen Welt in Leipzig, Landestheater Detmold). Als Sprecher hörte man ihn u.a. im rbb (Ohrenbär), in Arte und in 3sat. Stephan Wolf-Schönburg war Gastdozent an der Universität Leipzig und unterrichtete Schauspielstudenten des Freedom Theatre in Jenin/Palästina. 2011 hat er eine Ausbildung zum Friedens- und Konfliktberater an der Akademie für Konflikttransformation des Forums Ziviler Friedensdienst abgeschlossen. Seit 2001 übt er auch ehrenamtliche oder projektbezogene Tätigkeiten für medico international aus.
Stephan Wolf-Schönburg © Maike Ammann
Anna Kubin studierte an der Universität der Künste in Berlin. Ihre Schauspielkarriere führte sie an Häuser in Frankfurt, Berlin, Köln und Düsseldorf, wo sie mit Regisseur:innen wie Sebastian Baumgarten, Herbert Fritsch, Nicolas Stemann, Nele Stuhler und Jan Koslowski, Alexander Eisenach, Christian Weise, Kay Voges, Miloš Loliċ, Claudia Bauer, Mateja Koležnik, Christina Tscharyiski, Max Lindemann, Timofej Kuljabin, Christian Friedel, Jan Bosse, Johanna Wehner und Luise Voigt zusammenarbeitete. In der Spielzeit 2002/2003 wurde sie als „Beste Nachwuchsschau-spielerin“ in der Zeitschrift „Theater heute“ nominiert. 2006 erhielt sie den Publikumspreis in Bad Hersfeld, 2015 am Düsseldorfer Schauspielhaus. Mit der Spielzeit 2017/18 kam sie als festes Ensemblemitglied ans Schauspiel Frankfurt. Anna Kubin wurde für ihre Darstellung als Hedda Gabler in der Regie von Mateja Koležnik in „Theater heute“ 2022 als beste Schauspielerin nominiert. Außerdem wirkt sie regelmäßig bei Film- und Fernsehproduktionen mit und ist als Sprecherin beim Hörfunk tätig.
Anna Kubin © Henrik Pfeifer
Ruthard Stäblein, geboren in Mellrichstadt. Studium der Romanistik, Germanistik, Komparatistik und Philosophie in Berlin, Tübingen, Toulouse und an der Sorbonne in Paris. Danach als Assistent, Lektor und Dozent in Paris und Nancy: Mitglied in der Forschungsgruppe „Culture de Weimar“ an der Pariser „Maison des Sciences de l'Homme“. Publikationen zur Wiener Moderne und zur „Dekadenz“ in verschiedenen Sammelbänden. Herausgeber von „Identitätskrise und Surrogatidentitäten. Zur Wiederkehr einer romantischen Konstellation“ (Campus-Verlag) sowie einer Reihe über Moral seit 1992 in fünf Bänden, erschienen bei Fischer und Insel. Seit 1988 Mitarbeiter des Hessischen Rundfunks, Redakteur für Literatur. Dramaturgische Einrichtung von Hörbüchern wie „Der Mann ohne Eigenschaften“ von Robert Musil; „Atemschaukel“ von Herta Müller; Briefwechsel zwischen Siegfried Unseld und Thomas Bernhard; „Schopenhauer in 100 Minuten“; „Autobiographische Schriften“ von Thomas Bernhard; „Freiheit“ von Jonathan Franzen; „Der Traum des Kelten“ von Mario Vargas Llosa; „Die sterblich Verliebten“ von Javier Marias, „Nietzsche in 100 Minuten“ u.v.a.
Ruthard Stäblein © Ruthard Stäblein
Gesamtleitung: Frankfurter Bürgerstiftung
Förderer: Dr. Marschner Stiftung
Weitere Förderer: Freundes- und Förderkreis der Frankfurter Bürgerstiftung


