Emil Mangelsdorff
Emil Mangelsdorff

Musikstadt Frankfurt

Das Schicksal Siegfried Würzburger. Leben, Untergang und Emigration einer assimilierten jüdischen Familie. Vortrag von Dr. Ulrike Kienzle unter Mitwirkung von Prof. Angelika Nebel (Klavier)
  • Donnerstag, 19. Januar 2023 – 19.30 Uhr

Holzhausenschlösschen
Justinianstraße 5
60322 Frankfurt am Main

Siegfried Würzburger am Klavier (Ausschnitt) © Joyce Ward

Eintritt frei, freie Platzwahl (Plätze auf der Empore sind mit eingeschränkter Sicht), Anmeldung erforderlich (zum Anmeldeformular gelangen Sie über den ganz oben stehenden Link).

Darüber hinaus werden wir über die Mediathek unserer Website am Veranstaltungstag einen kostenfreien Livestream des Vortrags anbieten. Zum Livestream gelangen Sie hier.

Siegfried Würzburger, geboren 1877 in Frankfurt, gehörte zum emanzipierten und assimilierten Judentum, das seine Religionszugehörigkeit in Frankfurt zunächst frei und selbstbewusst leben konnte. Würzburger war Absolvent von Dr. Hoch’s Konservatorium und gründete seine eigene, bald etablierte Musikschule in Frankfurt, die nicht nur von jüdischen Schülern, sondern auch von Angehörigen anderer Konfessionen gern und mit Erfolg besucht wurde. Neben seiner pädagogischen Arbeit wirkte Würzburger, der von Geburt an fast blind war, seit 1911 als Organist an der neu erbauten Westend-Synagoge.

Die Familie Würzburger führte ein weltoffenes Haus; ihr Leben war von morgens bis abends von Musik und geselligem Austausch geprägt. Würzburgers Frau Gertrude, geb. Hirsch, war mit Edith Frank, der Mutter von Anne Frank, befreundet. Sie unterrichtete Englisch und Französisch an der Holzhausenschule. Auch die vier Söhne nahmen rege am Frankfurter Musikleben teil, gingen in die Oper und ins Konzert; einer von ihnen studierte in der Jazz-Klasse an Dr. Hoch’s Konservatorium.

Wie ein unbegreiflicher Schock brach der Nationalsozialismus in das Leben der Familie ein. Würzburger verlor den größten Teil seiner Schüler, er wurde gezwungen, in immer kleinere Wohnungen umzuziehen und musste 1938 in der Reichspogromnacht ohnmächtig die weitgehende Zerstörung der Westend-Synagoge und ihrer prachtvollen Orgel miterleben. Aufgrund seiner Behinderung und der Krankheit seines ältesten Sohnes kam eine Emigration nicht in Frage; den jüngeren Söhnen gelang dagegen die Flucht, der jüngste von ihnen gelangte mit einem der letzten Kindertransporte außer Landes. Siegfried Würzburger wurde 1942 deportiert und starb am 12. Februar 1942 in Łódź; seine Frau wurde im Vernichtungslager Chelmno (Kulm) ermordet.

Der Vortrag beleuchtet das Schicksal der kunstsinnigen Frankfurter Familie. Für die Westend-Synagoge hatte Würzburger mehrere schöne Stücke zu hohen jüdischen Festtagen komponiert. Die Pianistin Angelika Nebel hat die Klaviertranskriptionen dieser Werke wiederentdeckt und wird sie während des Vortrags live zu Gehör bringen.

Dr. Ulrike Kienzle © Dr. Ulrike Kienzle

Dr. Ulrike Kienzle ist Privatdozentin für Musikwissenschaft und arbeitet als freie Autorin und Forscherin, als Kuratorin und Dozentin. Sie hat zahlreiche Veröffentlichungen über Richard Wagner, Franz Schreker, Robert und Clara Schumann, Giuseppe Sinopoli sowie über das Musikleben von der Goethezeit bis zur Gegenwart vorgelegt. Sie ist Ko-Kuratorin für Musik im Deutschen Romantik-Museum und Dramaturgin der Brentano-Akademie Aschaffenburg. Seit 2021 realisiert sie in der Alten Oper Frankfurt die Reihe „Kienzles Klassik: Musikseminare für Wissbegierige“. Im Auftrag der Frankfurter Bürgerstiftung hat sie die beiden Ausstellungen Drei Generationen Mozart in Frankfurt (2005) und Robert und Clara Schumann in Frankfurt (2010) kuratiert, 2013 eine Studie über die Frankfurter Mozart-Stiftung vorgelegt und 2014 ein von ihr wiederentdecktes Streichquartett von Max Bruch herausgegeben. 2019 kuratierte sie die vielbeachtete Ausstellung „Clara Schumann: Eine moderne Frau im Frankfurt des 19. Jahrhunderts“ im Institut für Stadtgeschichte. Seit 2021 erforscht sie im Auftrag der Frankfurter Bürgerstiftung die Musikstadt Frankfurt. Flankiert wird das umfangreiche Projekt von Online-Essays, Vorträgen, Konzerten und Teilausstellungen. Zum Abschluss wird sie 2026 eine zweibändige Buchpublikation vorlegen.

Prof. Angelika Nebel © Prof. Angelika Nebel

Prof. Angelika Nebel war von 1995 bis 2014 Professorin an der Robert Schumann Hochschule Düsseldorf. Sie gastierte bei zahlreichen Festivals wie u.a. dem Rheingau Musik Festival. Ihre CDs mit J.S. Bach – Klaviertranskriptionen wurden von der Presse mit dem Begriff ‚Alleinstellungsmerkmal‘ bedacht und im FONO FORUM besonders ausgezeichnet. Sie gilt als Pionierin der Klaviermusik von Clara Schumann und machte in den letzten Jahren mit Kompositionen von Siegfried Würzburger oder Wolf Rosenberg auch vergessene Komponisten wieder hörbar. Angelika Nebel lebt in Frankfurt am Main.

Aktuelle Informationen zu den Teilnahmebedingungen und unserem Hygienekonzept finden Sie hier.

Gesamtleitung: Frankfurter Bürgerstiftung
Förderer: Adolf Christ Stiftung, Cronstett- und Hynspergische evangelische Stiftung, Freundes- und Förderkreis der Frankfurter Bürgerstiftung

Cronstett- und Hynspergische evangelische StiftungFreundes- und Förderkreis der Frankfurter Bürgerstiftung